ANLAGE 1 Gernhold Klemm                                                       Berlin, 30.03.2003 Berlin Redaktion super Illu z. Hd. Herrn Gerald Praschl Stichwort 17. Juni Mollstr. 1 10178 Berlin „Schicksalstag“ Meine Erinnerungen an den 17. Juni 1953 waren für mein junges Leben prägend. Ich war 20 Jahre alt, politisch wenig interessiert aber wissensdurstig. Als Student und FDJ-ler erhielten wir den Auftrag uns in Zehnergruppen zur FDJ-Bezirksleitung in der Ritterstraße zu begeben und dort zu helfen. 30 bis 50 Leute hatten bereits alle Möbel zertrümmert und aus dem Fenster geworfen. Im Moment unserer Ankunft bog vom Hauptbahnhof kommend ein Jeep mit 4 Polizisten, damals noch im blauen Overall mit Schirmmütze, bewaffnet mit Gewehren in die Straße ein. Sie wurden aus dem Auto gezerrt, brutal geschlagen, die Uniform vom Leib gerissen und auf ihnen herum getrampelt. Einen der Polizisten, nur noch mit Unterhosen und Unterhemd bekleidet, riss ich hoch, schrie ihn an, nahm ihm den Ausweis ab, den er in der Hand hielt und zerrte ihn weg. Wir liefen durch das Gebäude in Richtung Brühl. Ein Teil der randalierenden Menge stürmte uns hinterher. Zufall, Glück auf dem Brühl fuhr ein „Framo“ eines Malerbetriebes. Er sprang auf, ich gab ihm seinen Ausweis und rannte in Richtung Bahnhof vielleicht sogar um mein Leben. Wenn ich die Randalierer beschreiben sollte, würde ich sagen, es waren die Väter oder Großväter der heutigen Glatzköpfe. Mein Weg von Gerüchten und Neugier angetrieben, führte mich in Richtung „Blechbüchse“, dem größten Kaufhaus Leipzigs. Ein riesiger Zug von Menschen kam die Hainstraße herunter. Voran trugen sie einen Toten. Rechts auf dem damals noch freien Gelände wurde geschossen in Richtung Stasi-Zentrale. Drei der Angreifer konnte ich ausmachen. Sie schoben Kinder als Schutzschilde vor sich her und wollten das Stasi-Gebäude stürmen. Woher hatten sie die Waffen, wie kann man Kinder so missbrauchen? Einer neben mir sagte, sie haben das Polizeipräsidium in der Hartkortstr. gestürmt und alle Gefangenen frei gelassen. Mein Gedanke war - „das glaube ich nicht.“ Über den Ring, am neuen Rathaus, am Dimitroff Museum vorbei lief ich zum Präsidium Hartkortstraße. Alles zertrümmert und eine unheimliche Stille. Ich stöberte in allen Etagen, betrachtete die heraus gerissenen Zellentüren und frage mich - wer war hier eingesperrt - alte Nazis, - SS-Leute, - Kriminelle oder…. Die gemachten Erfahrungen, die gesehenen Bilder und die geschichtlichen Lehren machten in den nach= folgenden Jahren einen überzeugten Antifaschisten aus mir. Das Gerücht am Rundfunk ist was los, brachte mich auch dahin. Hier war alles ruhig. Ein sowjetischer Panzer T34 stand davor. Es war der einzige russische Panzer, den ich an diesen Tag in Leipzig gesehen  habe. Übrigens das Dunkel „um die Ereignisse am 17. Juni“ kann man schnell beseitigen. Bestimmt liegen in den Parteiarchiven, Polizeiarchiven und Stasi Archiven detaillierte Berichte und Bilder über die Vorgänge. Aber ob die Mächtigen und Ohnmächtigen das wollen? Die Archive werden meine Darlegung als Zeitzeuge eindeutig belegen. Was mich immer wieder wundert, das selbst Historiker nicht sehen wollen, dass diese Ereignisse 8 Jahre nach Kriegsende und 4 Jahre nach der Gründung der DDR liegen. Was ich bedauere ist, dass die SED nicht die Kraft hatte, diese Ereignisse im Detail aufzuarbeiten, auch wenn man „Unangenehmes“ hätte eingestehen müssen. Gernhold Klemm, Berlin